Reala 400

Schauen wir mal nicht aus dem Fenster und erinnern uns an das herrliche Wetter der vorigen Woche zurück. Damals hat man sich ja geradezu verpflichtet gefühlt das kalte Dunkel des heimischen Arbeitszimmers zu verlassen und ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen. Auf dem Fahrrad ging es durch Hildesheims Innenstadt und dann an der Innersten entlang zur Domäne Marienburg, um es sich bei einem Stück Kuchen gut gehen zu lassen. Dass die Kamera mit an Bord war, erwähne ich hier nur der Vollständigkeit halber.

Das Problem, das ich auf zweirädrigen Fototouren habe, ist, dass sich die Kamera im Rucksack befindet. Das, was man als Streetfotografie bezeichnet, ist dadurch nicht ganz unproblematisch. Man muss im Fahren erst mal ein Motiv erspähen, anhalten, das Bike abstellen, die Kamera aus dem Rucksack kramen, um dann durch den Sucher zu gucken und festzustellen, dass das ausgemachte Spitzenmotiv doch irgendwie ziemlich öde ausschaut. Dazu kommt, dass während der Fahrt überlegt wird ob das Motiv eines sein könnte. Möchte man nun nicht alle 5m anhalten, ist man oft (zumindest trifft das auf mich zu, wenn ich alleine mit dem Fahrrad unterwegs bin) schon einige Straßen weiter, wenn diese Entscheidung fällt. Lohnt das Umkehren und der Stress des Auspackens wirklich? Ist das Motiv wirklich so grandios?
Zumindest innerorts bin ich persönlich dann doch lieber zu Fuß unterwegs. Ist das eigene Wohnviertel irgendwann abgegrast, kann man immer noch mit dem Fahrrad, Bus oder Auto in einen anderen Stadtteil fahren, das Gefährt dort irgendwo parken und sich auf die Socken machen – und an einem sonnigen Tag spricht eigentlich nichts dagegen Hildesheim zu Fuß zu durchqueren; so groß ist diese „Großstadt“ nämlich nicht.
Trotz dieser ganzen Widrigkeiten habe ich es am vergangenen Wochenende geschafft ein paar Fotos zu machen. Eines davon zeigt die Fassade des Römer Pelizaeus Museums und um genau dieses Bild soll es heute gehen.

Betrachten wir zunächst das unbearbeitete RAW nach der Wahl des passenden Ausschnitts.

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Das Bild scheint sehr dunkel und etwas flau zu sein. Was verrät uns das Histogramm? Eine Kamera versucht die Belichtung in einem (oftmals) vorher definierten Bereich so zu regeln, dass die Helligkeit des Bildes einem mittleren Grau entspricht. Hier hat das relativ gut funktioniert; eine kleine Verschiebung nach links, also Richtung Dunkel, ist jedoch zu erkennen. Woran liegt das? Ein Grund dafür könnte die helle Spiegelung der Sonne sein. Technikbedingt lassen sich in zu dunkel belichteten Stellen durchaus in der Bildbearbeitung noch Informationen wiederherstellen. überstrahlte Partien sind hingegen hoffnungslos verloren. Gerade Pentax ist eine Marke, die aus genau diesem Grund eher etwas verhalten belichtet (reine JPEG-Nutzer finden das ein wenig schade, RAW-Nutzer hingegen freuen sich darüber) – jedoch dürfte die K-5, aufgrund der Vielzahl der Messfelder, solche „Spitzlichter“ in ihrer Berechnung wenig beachten. Bei Kameras mit einer geringeren Anzahl an Messfeldern, bspw. die von mir verwendeten K-5 Vorgänger K10D und K20D, kann es mitunter schon bei einem kleinen reflektierenden Gegenstand im Bild zu unterbelichteten Bildern kommen, da diese Punkte die Helligkeitsinformation ihres Messfeldes verfälschen und die Areale aufgrund ihrer geringeren Anzahl stärker gewichtet werden.

Ein weiterer Grund für das etwas zu dunkle Foto könnte auch das verwendete Objektiv sein. Auch wenn es mir technisch unerklärlich ist (da die Belichtungsmessung ja durch das Objektiv in der Kamera stattfindet), sind mit dem Tamron 17-50mm aufgenommene Fotos ca. 1/3-Blende dunkler als Bilder, die bei exakt identischer Einstellung bspw. mit dem 18-55mm Kit-Objektiv aufgenommen werden. Macht wenig Sinn, ist nachweislich aber so. Es gibt bei Tamron eine gewisse Serienstreuung was diesen Effekt betrifft, zumindest bei meinem Objektiv ist aber eine standardmäßige Belichtungskorrektur von +1/3 angebracht. Wenn man daran denkt, ist es vollkommen unproblematisch. Hier hatte ich das leider versäumt und dadurch ist das Bild einen Tick vom mittleren Grau entfernt – dank RAW-Verwendung jedoch absolut egal.

Nun gut, genug technisches, bilduninteressantes Geschwafel. Das Bild ist etwas zu dunkel, und flau!

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Am Histogramm erkennen wir schön, wie der Tonwertbereich gespreizt wurde. Sowohl Helligkeit als auch Farben wurden deutlich gepusht. Weitere Bearbeitung, die in diesem Screenshot nicht zu erkennen sind, sind eine leichte, standardmäßige und ISO-abhängige Nachschärfung (jedes aus der Kamera kommende JPEG ist mehr oder weniger stark nachgeschärft) und eine hinzugefügte Vignettierung. Letztere ist natürlich Geschmacksache und eigentlich ein Bildfehler (wer mag, kann sich gerne zum Thema Randlichtabfall schlau lesen), mir gefällt sie jedoch gut, da sie eine Art natürlichen Rahmen bildet.

So gefiel mir das Bild, zumindest im Vergleich zum unbearbeiteten Original, eigentlich schon ganz gut und ich lud es in meinen Google+ Account. Normalerweise bin ich kein Fan von extrem überzogenen Farben und fertige Bildfilter verwende ich in Photoshop aus Prinzip irgendwie ungern. Das ist mir einfach zu unkreativ, nennt mich ruhig verbohrt. In Google+ stehen jedoch eine ganze Menge an vorgefertigen Filtern zur Verfügung. Ich hatte mich vorher damit nie auseinandergesetzt und sah sie zum ersten mal, also probierte ich sie aus. Und was soll ich sagen? Ein paar Filter sahen in Verbindung mit diesem Bild richtig klasse aus – darunter z.B. der Filter Reala 400, der das Farb und Kontrastverhalten eines alten Fuji-Films simuliert. Ich fand den Filter sogar so toll, dass ich das Bild defintiv so belassen wollte und eine „ungefilterte“ Version für die Verwendung in anderen Netzwerken und Onlinegalerien nicht zur Debatte stand. Nur, wie sollte ich den Filter von Google+ auf das Bild auf meiner lokalen Festplatte anwenden? Eine Webrecherche lieferte mir leider keine fertige Photoshopaktion oder gar einen integrierbaren Filter. Kostenpflichtige Filterpacks kommen für mich auch eher weniger in Frage, also musste der Effekt „nachgebaut“ werden.

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Hier eine ganz kurzes Quick & Dirty zur Nachahmung dieses Effektes:

  1. Duplizieren der Hintergrundebene und Wechsel des Ebenenmodus in weiches Licht.
    bewirkt eine Intensivierung der Farben und des Kontrasts
  2. Diese neue Ebene wird ebenfalls dupliziert, wobei der Ebenenmodus Weiches Lichtbeibehalten wird. Wer kann, ändert die Ebene in ein Smart-Object um, um den gleich angewandten Weichzeichner auch später noch korrigieren zu können.
  3. Die soeben duplizierte Ebene wird mit dem Gaußschen-Weichzeichner und (in diesem Fall) mit einem Radius von 20px weichgezeichnet.
    das Ergebnis ist eine nochmalige Steigerung der Sättigung und ein stärkerer Kontrast. Dazu kommt ein irgendwie softer und überstrahlter Look durch den Weichzeichner
  4. Nun folgt eine neue Einstellungsebene Farbbalance mit folgenden Werten:
    Tiefen (+10/+10/0)
    Mitteltöne (0/-20/-10)
    Lichter (0/0/-10)
    passt die Farben an den angestrebten Look an

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Bitte vergesst nicht, dass mit der Kontraststeigerung durch die Verwendung des Ebenenmodus Weiches Licht auch die bereits existierende Vignettierung verstärkt wird. Die gehört natürlich mit zum Look des Filters und wenn ihr den Effekt nachbauen möchtet, müsst Ihr also entweder a)im Vorfeld Eurem Bild eine Vignettierung verpassen oder b)nach Abschluss der Bearbeitung eine starke Vignettierung malen oder mittels des Filters Objektivkorrektur erstellen.